Fürsorgerische Zwangsmassnahmen im Kanton Zürich: Forschungsarbeiten gestartet

31.01.2017 - Medienmitteilung

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Am 30. Januar 2017 hat ein Team von Fachpersonen das Forschungsprojekt zu fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen im Kanton Zürich gestartet. Der Regierungsrat hat dazu im letzten Oktober die Mittel bewilligt. Der Leitungsausschuss des Projekts und die Forschungsverantwortlichen trafen sich zu einem eintägigen Workshop im Staatsarchiv.

Angeregt von vielen Seiten entschloss sich der Kanton Zürich im Oktober letzten Jahres, zusätzlich zu den laufenden Forschungen auf nationaler Ebene und in anderen Kantonen, ein eigenes Forschungsprojekt zu fürsorgerischen Zwangsmassnahmen zu lancieren. Die Mittel für das Projekt wurden vom Regierungsrat am 5. Oktober bewilligt (vgl. RRB Nr. 982/2016).

Am 30. Januar haben sich der Leitungsausschuss und die Forschungsverantwortlichen zu einem eintägigen Workshop im Staatsarchiv getroffen. In diesem Rahmen wurden die vier Forschungsfelder, die bearbeitet werden sollen, eingehend besprochen. Gleichzeitig bot das Staatsarchiv eine Übersicht über die Quellenbestände, die für die Forschungen zur Verfügung stehen. Mit einem Besuch des Workshops unterstrich die Vorsteherin der Direktion der Justiz und des Innern des Kantons Zürich, Regierungsrätin Jacqueline Fehr, die Bedeutung des Projekts für den Regierungsrat.

Für das Forschungsfeld «Gesetzeslandschaft» sind Andrea Büchler, ordentliche Professorin für Privatrecht und Rechtsvergleichung an der Universität Zürich, und Birgit Christensen, Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Frau Büchler, verantwortlich. Sie werden die Entwicklung der Gesetzgebung zu den fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts rechtshistorisch untersuchen. Die einschlägigen Erlasse des Kantons Zürich werden speziell im Fokus stehen, aber auch die Gesetzgebung anderer Kantone und des Bundes sowie die Armengesetzgebung der Stadt Zürich werden in die Arbeit einbezogen.

Die Zürcher Heim- und Anstaltslandschaft im Zeitraum 1830 bis 2016 steht im Zentrum der Untersuchung von Thomas Meier und Sabine Jenzer, beides ausgewiesene Fachleute auf dem Gebiet der historischen Forschung zu fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. Ihr Fokus beschränkt sich nicht auf Institutionen zur administrativen Versorgung, sondern sie wird auch Säuglings-, Kinder- und Erholungsheime, psychiatrische Institutionen und Strafanstalten in den Blick nehmen, auch ausserkantonale, in denen Personen durch Zürcher Behörden untergebracht wurden. Neben einem Mengengerüst und einer Typisierung der Institutionen soll der Wandel der Anstaltslandschaft nachgezeichnet werden, die geprägt war von gesetzlichen, konjunkturellen, professionellen und anderen Einflüssen. Die Untersuchung wird auf schriftlichen und mündlichen Quellen basieren.

Matthieu Leimgruber, ausserordentlicher Professor für Geschichte der Neuzeit und der Schweizer Geschichte an der Universität Zürich, Tobias Straumann, Titularprofessor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich, und Alix Heiniger, eine Genfer Historikerin mit viel Erfahrung auf dem Forschungsgebiet, machen die so genannte Ökonomie des Vollzugs zum Thema. Einerseits werden Fragen auf der Seite des Staats und der Institutionen untersucht: Welche Kostenüberlegungen standen hinter der Versorgungspraxis im Kanton Zürich? Wie rechneten die Vollzugsinstitutionen? Welche Arbeitsprojekte setzten sie um? Diente die Arbeit in den Anstalten der Finanzierung des Vollzugs oder der Disziplinierung der Insassinnen und Insassen? Anderseits wird untersucht, was die «Ökonomie des Vollzugs» für Betroffene hiess: Waren Kostenüberlegungen mitentscheidend für die Wahl des Vollzugsorts? Entsprach das Arbeitsangebot dem sozialen Profil der Insassinnen und Insassen? Welche Basis für eine künftige ökonomische Selbständigkeit wurde geschaffen? Wie wurde geleistete Arbeit entschädigt? Wurden Vollzugskosten abgewälzt?

Im Rahmen des vierten Teilprojekts untersuchen Flurin Condrau, ordentlicher Professor für Medizingeschichte an der Universität Zürich, sowie Urs Germann und Tanja Rietmann, beide von der Universität Bern, Aspekte der Medikamentenforschung in der Zürcher Psychiatrie von 1945 bis 1980. Aufbauend auf bestehenden jüngeren Arbeiten zur diesbezüglichen Praxis sollen grundlegende Fragen geklärt werden, unter anderem, in welcher Weise für Medikamentenversuche die Zustimmung der Probandinnen und Probanden eingeholt wurde. Als Quellenbasis dienen Bestände der entsprechenden Forschungsabteilung des Burghölzli und weiterer Zürcher Kliniken.

Alle Teilprojekte werden eng abgestimmt mit anderen laufenden Projekten, namentlich mit den Arbeiten der Unabhängigen Expertenkommission Administrative Versorgungen.

Koordiniert und begleitet wird das Projekt von einem Ausschuss, in dem der Zürcher Staatsarchivar Beat Gnädinger (Leitung), Mirjam Bugmann von der Bildungsdirektion, Verena Rothenbühler vom Staatsarchiv, Christian Schuhmacher von der Gesundheitsdirektion und die Historikerin Loretta Seglias als externe Expertin vertreten sind. Die Publikation der Ergebnisse ist geplant für Ende 2018.

(Medienmitteilung des Staatsarchivs)

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