Geschichtswettbewerb "Historia" 2017 - 2019 - "Jugend in Bewegung"

Nächtliche Ruhestörer im alten Zürich, Spanienkämpfer und "Krawallbrüder" in den Jugendunruhen von 1968 und 1980

Die Jugend bewegt sich auf vielfältige Weise, manchmal freiwillig, manchmal unfreiwillig. Im Staatsarchiv Zürich finden sich einige spannende Archivunterlagen zum Thema des aktuellen Geschichtswettbewerbs. Dazu gehören Quellenbeispiele von jugendlichen Nachtruhestörern, die im 16. und 17. Jahrhundert nach Sonnenuntergang Zürichs Strassen unsicher machen, die jungen Spanienfahrer, die 1936 praktisch von heute auf morgen von Zürich aufbrachen, um sich am Spanischen Bürgerkrieg zu beteiligen, junge Männer und Frauen, die verhaltensauffällig waren und in eine Erziehungsanstalt "versorgt" wurden oder die Jugendlichen, die sich in den Unruhen von 1969 und 1980 Luft verschafften und ihrem Unmut über die sozialen und politischen Verhältnisse freien Lauf liessen.

Die Frist für Eingaben in dieser Wettbewerbsrunde läuft bis zum 15. März 2019.

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Die Zürcher Spanienkämpfer von 1936

Ab 1936 zogen Tausende von freiwilligen jungen Männern nach Spanien, um in den Internationalen Brigaden die demokratisch gewählte republikanische Regierung zu verteidigen. Darunter waren auch rund 800 Schweizer, vornehmlich junge Männer, was gemessen an der Bevölkerungszahl einem der grössten Freiwilligenkorps entsprach. Rund 170 der sogenannten Schweizer "Spanienfahrer" fielen. Aus Neutralitätsgründen beschloss der Bundesrat im August 1936, sich dem französischen Vorschlag der Nicht-Intervention nicht anzuschliessen. Allerdings verbot er damals sowohl jegliche Waffenausfuhr als auch die "Teilnahme an den Feindseligkeiten in Spanien". Zudem ergriff er Massnahmen, um diesen Verboten Nachachtung zu verschaffen. Daher wurden bis Ende 1939 375 Spanienkämpfer strafrechtlich verfolgt. (Quelle HLS

Die Akten des Nachrichtendiensts der Zürcher Kantonspolizei enthalten Rapporte und Erhebungen über junge Männer aus Zürich (Z 190.436), die am spanischen Bürgerkrieg teilgenommen haben. Besonders spannend erscheinen die Verhörakten des erst 20-jährigen Malerlehrlings Ernst Huber aus Zürich, der nach Spanien fuhr, um im Sturmbatallion "Tschapajew" von Otto Brunner mitzukämpfen. Schon bald aber wurde er krank und entschloss sich zu desertieren. Im Oktober 1937 musste er sich vor dem Divisionsgericht in Zürich für sein Mitkämpfen in Spanien rechtfertigen und wurde zu vier Monaten Gefängnisstrafe verurteilt.

Lektürehinweis: Peter Huber; Ralph Hug: Die Schweizer Spanienfreiwilligen, Zürich 2009. 

Nächtliche Jugendkrawalle im frühneuzeitlichen Zürich

Die Jugendlichen stellen eine Gruppe dar, die das Nachtleben in der frühen Neuzeit entscheidend prägte. Über die Jungen und ihre nächtlichen Aktivitäten in Zürich gab es regelmässig Klagen, die sich in den Quellen finden. Christian Casanova hat Beispiele davon in seiner Publikation "Nacht-Leben: Orte, Akteure und obrigkeitliche Disziplinierung in Zürich, 1523-1833", Zürich 2007 beschrieben und teilweise transkribiert. Die zwei hier ausgesuchten Fälle aus dem 17. und 18. Jahrhundert bieten eine gute Grundlage für ein Wettbewerbsprojekt zum aktuellen Thema. 

Fall 1 (StAZH A 27.106)

Der erste Fall ereignete sich im März 1674 äussert sich in einem Verhörprotokoll, in dem mehrere Nachtwächter zu nächtlichem Unfug befragt worden sind. Aus diesem Protokoll geht hervor, dass Jugendliche in grossen Gruppen durch die Gassen gezogen waren und diese regelrecht unsicher gemacht hatten. Bei den erwähnten Nachtschwärmern handelte es sich um Sprösslinge namhafter Zürcher Familien.

"Als er [ein Zürcher Wachtsager] verschinnen donstags die wacht gehabt und vor dem rathhuss gestanden, seyen von dem Schwert über die brugg dahar kommen, die er gekhendt, hr. ambtmann Grebels sohn, hr. ambtmann Eschers sohn, hr. Heinrich Steiner zum Blauwen Himmel, 2 Söhn vom Moren-kopf, hr. haubtmann Heinrich Bürcklj und 2 Muralten, die habind die mäntel umbs muhl und 4 under ihnen tabacpfyffen am mund gehabt. Er, zeüg, habe seinem gespahnen, wachtm.[eister] Locher, als er sie gesehen fürüberhin gehen, gesagt, das seyen die rechten seylabschnyder, dafür zum Elsässer hinuf kommen, habind sie angehebt zu juchzen, die glocken erschütten, die wo meyen wegryssen, deren er etliche uf der gass ligend angetroffen, an der kirchgass seye wegen dieses gewüehls alles ufgewesen." (Transkript: Casanova, S. 83)

Fall 2 (StAZH A 27.131)

Im Oktober 1717 wurden drei junge Zürcher im Alter zwischen 16 und 19 Jahren auf dem Rathaus festgehalten. Einer der drei Angeklagten gab im Untersuchungsprotokoll breitwillig Auskunft über das Zerstörungswerk, welches die drei Jugendlichen in einer einzigen Nacht innerhalb der Stadtmauern vollbracht hatten.

"[…] hierauf [seien] sie [die drei Jugendlichen] um 11 ½ Uhr die Strehlgas ab, bey dem Storchen durch hin, über den Meüster Hof, Obere Brug, der Schifflende nach an die Weite Gas gegangen, dorten mit steken in einem auf dem boden scheiben eingestossen, dannen sie über das Oberdorf gegen dem Rohten Thurn ihren weg fortgesezet, mitlerweillen der
Grebel an einer gassen, so man ein stegen auf gehe, nägeli stöck erbliket, die der Wirt zu erlangen, auf ein stegli gestanden und selbige mit einem stekenherabstossind, von dar sie ihren weg bey dem Gründstein durchhin gegangen und er, Lochman, Grebel und Wirt den dortigen haag eingetrükt, von dorten die Römergas ab beyde zimmerleüchten in den see geschleicht, ob die anderen zwey mit hand angelegt, wüsse er nicht. Von dannen sie die Schaffelgas aufhin gegangen, in einem haus, das wol oben gestanden, scheiben eingeschlagen, dergleichen beyy dem Schäggeli und Grauen Mann, ferners giengen sie die Na[p]fgas auf, hinder der Oberen Zeünen durch, die untere hinab, alwo sie abermahlen an etlichen haüseren an oberen und unteren gemächeren und erklen scheiben aushin gestossen und geworfen. An der oberen Steingass seyen auch scheiben zerschlagen worden als in dem Horas vor dem Blauen Himel überen, bey dem Brunen Thurn seyen auch scheiben eingeschlagen worden, ob aber er, Lochman, erst nachwerts ein steken auf der gas aufgelesen, worauf sie ihren weg die Rechgas ab verfolget, jedoch bey hr. burgmeister Holzhalben haus nit die geringste unfüg verüebet, sonder erst in dem kleinen Brungäsli in des Hr. Pestaluzen haus und in der grosen Brungas bey der goldinen Trauben fenster eingeschlagen, von dorten sie das Niederdorf ab, bey dem Rank aufhin gegangen, in dem haus zum Gelben Adler hinden aussen gegen den see grad ob der thüren scheiben zerschlagen, auch auf dem gleichem boden in das Hr. Spitalarzt Ruffen haus das verüebete; sonsten wüsse er nichts anzuzeigen." (Transkript: Casanova, S. 87)

 

Anstaltseinweisungen von Jugendlichen

Ein Fall von unfreiwilliger Bewegung von Jugendlichen sind die Opfer von sogenannt "Fürsorgerischen Zwangsmassnahmen". Sie sind ein bedeutendes Thema in der Schweizer Öffentlichkeit geworden, seit der Bund das "Gesetz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981" (AFZFG) verabschiedet hat. Mit einem Solidaritätsbeitrag soll gegenüber den Opfern ein Zeichen der öffentlichen Anerkennung des erlittenen Unrechts gesetzt und die gesellschaftliche Solidarität gezeigt werden.

Die betroffenen Menschen, die heute noch leben, haben ihre Kindheit in den 1940-er, 1950-er und 1960-er Jahren erlebt. Diese Akten unterstehen noch einer Schutzfrist. Es gab aber bereits früher grosse Zahlen von Opfern "administrativer Versorgung, wie man die behördlichen Eingriffe auch nannte. Die Massnahmen sollten in erster Linie als ein Mittel dienen, um gegen junge Männer und Frauen vorzugehen, denen man einen "liederlichen Lebenswandel" und "Arbeitsscheu" zuschrieb.

Drei Beispiele aus den Jahren 1933 und 1935, die sich in den Protokolle Vormundschaftsbehörde Zürich und des Bezirksrats Meilen finden, geben einen Eindruck, wie und warum es zu einer so genannten Fremdplatzierung kam.

Lektürehinweis: Rietmann: "Liederlich" und "arbeitsscheu". Die administrative Anstaltsversorgung im Kanton Bern (1884-1981), Zürich 2013.

Zürcher "Opernhauskrawalle" 1980

"Züri brännt" hiess der Punk-Song der Zürcher Band TNT. Er wurde zum Symbol der Jugendunruhen von 1980. Im Mai 1980 genehmigte der Zürcher Stadtrat 60 Millionen Franken für die Renovation des Opernhauses. Gleichzeitig lehnte er die
Forderungen nach einem autonomen Jugendzentrum ab. Dies war der Auftakt der so genannten "Opernhaus-Krawalle", die den ruhigen Zürcher Alltag gehörig aufrüttelten. Die Jugendlichen und die Polizei lieferten sich endlose Strassenschlachten, die mehrere hundert Verletzte auf beiden Seiten und Sachschäden in Millionenhöhe zurückliessen.

Im Folgenden wird eine Auswahl von einigen Flugblättern und Plakaten präsentiert, die bei den Zürcher Jugendunruhen von 1980, den so genannten "Opernhauskrawallen" auf den Strassen im Umlauf waren und von der Kantonspolizei gesammelt wurden.

Lektürehinweis: Olivia Heussler et al.: Zürich Sommer 1980, Zürich 2010.